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Presseinformation


Don Quixote

Heidi Bucher, Andrea Büttner, Larry Clark, Peter Fend, Dorota Gawęda & Eglė Kulbokaitė (Young Girl Reading Group), Jonathan Horowitz, Crispin Odour Makacha herausgegeben von Ariane Müller, Jannis Marwitz, Puppies Puppies, Cameron Rowland, Sturtevant

20. Januar – 3. März 2018
Öffnungszeiten: Di–Sa, 11–18 Uhr

Miguel de Cervantes hat die beiden Bände seines Roman als einen Komplex angelegt, in dem sich seine persönliche Situation, der soziopolitische Kontext und formale Erneuerungen bei größter Ökonomie der Mittel miteinander verbinden. Damit hat er nicht nur ein noch heute verblüffendes Maß an Selbstreflexivität eingeführt, sondern gleichzeitig ein Reservoir an Strategien geschaffen, aus dem einige der einflussreichsten Ideen in Kunst und Literatur des 20. Jahrhunderts extrahiert wurden.

Don Quixote, Band I setzt sich – vorgeblich und real – aus Bruchstücken, Übersetzungen und Übernahmen fremden Materials zusammen. Die damals in der Vorrede eines Buches üblichen Lobreden befreundeter Schriftsteller und Mäzenen schrieb Cervantes in Ermangelung solcher Freunde selbst – aber schon hier findet sich mehr Einfallsreichtum als in den meisten Büchern überhaupt. Cervantes präsentiert in der Vorrede den Lesern seine Kniffe: angebliche Zitate, die ohnehin niemand überprüfen möchte, Lobreden erfundener Bischöfe und generell die Verwendung von „lateinischem Flitter“ – all dies lässt er sich von einem Freund empfehlen, der ihn über der Vorrede grübelnd findet. Im eigentlichen Roman findet der markanteste Bruch im XIX. Kapitel statt: die Handlung reißt plötzlich ab und findet ihren Fortgang erst nachdem der Erzähler auf einem Markt in Toledo zufällig das arabisches Manuskript eines Geschichtsschreibers namens Cide Hamete Benengeli entdeckt, das sich als der fehlende Teil des Buches entpuppt. Hier wird das erste Mal der politische Aspekt des Romans deutlich; in einer Zeit, da hunderttausende Moslems aus Spanien vertrieben wurden, basierte Cervantes seinen gesamten Roman auf ein arabisches Manuskript.

Der erste Band war ein großer Publikumserfolg, und noch bevor Cervantes den zweiten Band abgeschlossen hatte, veröffentlichte ein gewisser Alonso Fernanéz de Avellaneda – ein Pseudonym, dessen Identität nie geklärt werden konnte – eine Fortsetzung des Romans. Cervantes, der den Ritter und seinen Knappen schon zu Beginn des zweiten Bandes mit der Existenz des ersten konfrontiert, musste also mit einer neuen Herausforderung umgehen. Im zweiten Band treffen Don Quixote und sein Knappe fortwährend auf Personen, die den ersten Band gelesen haben, jede Begegnung wird zu einem Vergleich und Don Quixotes eigene Geschichte löst die Vorlagen der Ritterromane ab. Nachdem Cervantes von der Fortsetzung erfährt, erhält auch sie Einzug in den Gang der Geschichte: Nicht nur muss Don Quixote den Erwartungen gerecht werden, die der erste Band geweckt hat, er muss nun auch ständig gegen die Verleumdungen Avellanedas ankämpfen.

Im Gegensatz zu vielen Schriftstellern seiner Zeit konnte Cervantes nicht von einer sicheren ökonomischen Grundalge aus arbeiten. Sein ganzes Leben lang träumte er davon, Erfolg als Schriftsteller zu haben, während er in seinen Brotberufen Rückschlag um Rückschlag hinnehmen musste und nur selten zum Schreiben kam. Er war ein Soldat, fünf Jahre lang ein Sklave in Tunis, er war ein Steuereintreiber und landete im Gefängnis. Doch es gibt auch Perioden in seinem Leben, über die wenig bekannt ist, in denen er wahrscheinlich nur umherstreifte, bemüht allein, durch den Tag zu kommen. Aber nie konnte und wollte Miguel de Cervantes - und hier liegt die strukturelle Parallele zum Leben seines Romanhelden - die nur mühsam und brüchig aufrechterhaltene Fassade seiner Ehrsamkeit fallen lassen, nie akzeptierte er, dass er nicht für eine literarische Karriere auserkoren war. Am Anfang des Don Quixote steht eine selbst gewählte Identifikation, die Ausdruck der Sehnsucht nach einem anderen Leben ist, und der Ritter von der traurigen Gestalt findet dieses Leben auch, wenngleich es außer ihm selbst niemand sehen kann.

Cervantes schrieb die beiden Bände am Ende seines Lebens in einem Klima der politischen Regression, als Spanien nach einer Zeit relativer Toleranz im 16. Jahrhundert im Zuge der Gegenreformation andere Glaubensrichtungen systematisch zu verfolgen begonnen hatte, Wissenschaft und Künste doktrinär eingezwängt und von der Inquisition überwacht wurden. Heute, in einer Zeit, da Fragen ethnischer, sexueller und religiöser Zugehörigkeit, politische Rückschrittlichkeit und ökonomische Prekarität sich in den westlichen Ländern zu einem deprimierendem Klima verdichtet haben, versucht diese Ausstellung, den Roman Don Quixote und seinen Autor mit künstlerischen Praktiken in Beziehung zu setzten, die jenseits essentialistischer und territorialer Rhetoriken arbeiten. Die KünstlerInnen in der Ausstellung machen ein Sprung, wenn sie sich auf Feldern bewegen, in die sie nicht hineingeboren wurden, mit denen auseinanderzusetzen sie sich gleichwohl entschieden haben. Sie tun dies durch den Umgang mit Bildern, Objekten, Praktiken, Strategien und Gefühlen, die sie bereits umgaben. Wenn etwas aufgenommen wird, ist das Konzept des Diebstahls nie fern. Doch Umbesetzen, Umfunktionieren und Wiederholen sind sehr viel öfters aus Verzweiflung und Armut geboren. Es sind Selbstautorisierungen derjenigen, denen keine Ressourcen, keine symbolische Sprache gegeben wurden. Und indem sie sich etwas nehmen, das ihnen fehlte, indem sie ihm eine andere Bedeutung geben, subvertieren sie mit diesen Praxen etablierte Strukturen von innen.



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Don Quixote

Heidi Bucher, Andrea Büttner, Larry Clark, Peter Fend, Dorota Gawęda & Eglė Kulbokaitė (Young Girl Reading Group), Jonathan Horowitz, Crispin Odour Makacha published by Ariane Müller, Jannis Marwitz, Puppies Puppies, Cameron Rowland, Sturtevant

January 20 – March 3, 2018
Gallery hours, Tue–Sat, 11 am – 6 pm



Miguel de Cervantes composed – with a strict economy of means – the two volumes of his novel as a complex web in which his personal situation, the socio-political context, and formal innovations interweave. Cervantes did not only introduce an astounding level of self-reflexivity, he also created a reservoir of strategies from which some of the most influential ideas in the arts and literature of the 20th Century could be extracted.

The first volume of Don Quixote is – factually and and allegedly – constituted of fragments, translations, and the use of materials written by others. For want of such acquittances, Cervantes had to write the eulogies from befriended writers and patrons, which were a common part of a book’s preface at the time, by himself. But it is already here that one can find more ingenuity than in most books. In the preface, Cervantes presents the ensemble of his tricks to the reader: would-be citations, which nobody wants to check anyways, eulogies from imagined bishops, and generally the use of “Latin glitter.” And all of this is recommended to him by a friend who finds him pondering over the preface. In the actual novel, the most striking break occurs in chapter XIX: the plot is interrupted and only taken up again after the narrator accidentally finds an Arabic manuscript by the historian Cide Hamete Benengeli, a manuscript that turns out to be the missing part of the novel. Here, the novel’s political dimension becomes apparent for the first time: at a time in which hundreds of thousands of Muslims were expelled from Spain, Cervantes based his entire novel on an Arabic manuscript.

The first volume was a great success with the public. But even before Cervantes had finished the second volume, a certain Alonso Fernanéz de Avellaneda – a pseudonym whose identity could never be clarified – published a sequel to the novel. Cervantes, who confronts the knight and his squire at the beginning of the second volume with the existence of the first, had thus to meet another challenge. In the second part of the novel, Don Quixote and his squire constantly meet persons who have read the first volume. Every encounter turns into a comparison and Don Quixote’s own story takes the place of the romances of chivalry that served as a model. After Cervantes got to know about the sequel to his book, he also took it up in the continuation of the story: not only does Don Quixote have to meet the expectations that resulted from the first part; he also has to fight constantly against Avellaneda’s defamations.

Unlike many of his peer writers, Cervantes couldn’t work on the basis of economic security. Throughout his life he dreamt of success as a writer, while he had to cope with setback after setback in his day jobs and was barely able to write at all. He was a soldier, in slavery in Tunis for five years, a tax collector and a prisoner; but there are also longer periods in his life not much is known about, where he probably just drifted around, hustling for his daily bread. However, Cervantes could and would never – and this is a certain structural parallel to the life of the novel’s hero – give up the pretense of respectability, however much it might have crumbled. Never would he accept that he had not been predestined for a literary career. At the beginning of Don Quixote, there is a chosen identification, expression of the longing for another life. And the Knight of the Sad Countenance eventually finds this life, even though nobody except him is able to see it.
Cervantes wrote the two volumes of his novel at the end of his life in a climate of political regression. After a period of religious tolerance in the 16th Century, Spain began, in the wake of the counter-reformation, to systematically persecute people of other denominations. The arts and sciences were wedged by doctrine and surveilled by the inquisition. Today, in a time where questions of ethnic, sexual and religious affiliation, of political regression and economic precariousness have condensed into a climate of depression, this exhibition attempts to link the novel Don Quixote and its author with artistic practices that operate beyond essentialist and territorial rhetoric. The artists in this exhibition made a leap in reaching out to fields that they weren’t born into, but chose to engage with. They did so by using images, objects, procedures, strategies or feelings that already floated around them. When something is taken up, the notion of theft is never far away. Yet, resignifying, refunctioning, and repeating are much more often acts born from desperation and destitution. They are the self-authorisation of those to whom no resources, no symbolic language was given. Taking up something they were lacking and putting it to a different use, these practices subvert established structures from within. 

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